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Klassenausflüge 1927, 1929 und 1930

Herbert Schmitz, freiberuflicher Mitarbeiter der Saarbrücker Zeitung, hat dem THG freundlicherweise Transkriptionen von Klassenausflugsberichten aus den Jahren 1927 bis 1930 zur Verfügung gestellt. Die Originalberichte sind in der deutschen Sütterlin-Schrift verfasst und wurden von Herrn Schmitz in modernes Deutsch übertragen. Hier zu lesen sind zwei Kostproben (1927, 1930) aus der Historie des Realgymnasiums Sulzbach, wie das THG früher hieß.

Anmerkungen bzw. Erklärungen seitens der Homepage-Redaktion sind in eckige Klammern geschrieben.

Ausflug Trier-Luxemburg – O I 1927
Im Original 16 Seiten

Der Klassenausflug der O I anno 1927 nach Trier-Luxemburg
[Oberprimaner I; Oberprimana = höchste Klasse am Gymnasium, damals 13. Klasse; d. Red.

Sulzbach-Saar, 5.VII.1927 [05. Juli 1927; d. Red.]
Klassenausflug? Was hätte uns armen, geplagten Oberprimanern mehr zusagen können, als der Gedanke an ein dreitägiges, fröhliches Beisammensein im Kreise lieber Mitschüler unter der bewährten Führung unseres hochgeschätzten Klassenleiters? Drei Tage lang bei ungezwungener Unterhaltung in lustiger Gesellschaft zu sein, nach Herzenslust singen und scherzen zu dürfen und nicht zuletzt Gottes prächtige Natur mit vollen Zügen genießen zu können, ohne gewärtigen zu müssen, eine sogenannte Übersetzung von Sallusts Jugurthinischem Krieg mit einer dicken 4 quittiert zu sehen oder mit den Formeln der allverehrten Chemie geplagt zu werden - war das nicht ein herrlicher Gedanke? Doch offen gestanden: man unterließ es nicht, auch die Kehrseite der Medaille auf eine etwaige Unbequemlichkeit hin zu untersuchen, und in diesem Falle war der Wermutstropfen im Freudenbecher der Gedanke an die verwünschten Gewaltmärsche der früheren Jahre und besonders des letzten, von dem unser Ordinarius [der Klassenlehrer; d. Red.] meinte, daß wir unseren Kindern und Kindesskindern mit berechtigtem Stolz von unseren Heldentagen berichten könnten. Denn eine Strecke von nahezu 100 km (genau waren es 57,3) auf Schusters Rappen zurückzulegen, ist eine Leistung, die in der Weltgeschichte ihresgleichen sucht. Indessen glaube ich, aus dem Herzen aller meiner Mitschüler gesprochen zu haben, daß uns an der Wiederholung solcher Heldentaten verdammt wenig gelegen war (zwar waren keine Blutströme geflossen, dafür aber Schweißtropfen ohne Zahl. Daher übrigens das köstliche Aroma des Pfälzer Weins in diesem Jahr). So hatten wir uns denn vorbehalten, dass unser heuriger Ausflug eine gemütliche Sache werden solle und unseren Herrn Professor gebeten, doch mit seinem Wandersegen einzuhalten. Professoren sind für gewöhnlich gutmütige Leute, mit butterweichem Herzen. So nahm es uns denn nicht weiter Wunder, als wir hörten, dass die 100 km vom vorigen Jahr auf 20 in diesem reduziert seien. Über das Reiseziel war man bald einig. Die üblichen Redeschlachten, geführt von dem bekannten Dauerredner Borgard (2 : 01 Min), wurden fast vollkommen vermieden. Nach kurzem Geplänkel stand es fest (das Reiseziel nämlich): Trier, luxemburgische Schweiz, Stadt Luxemburg: Gerade nicht besonders weit, für den Geldbeutel erträglich, dabei viel zu sehen und vor allem -- Wein, Wein Wein, Wein.

Kommen wir nach dieser etwas langatmigen Einleitung zur Tagesordnung. Noch ehe ein Hahn gekräht, noch ehe ein Strahl der Morgensonne sich in das Gemach des Schläfers verwirrt, hatte für ihn schon das Stündlein geschlagen, als nämlich der verwünschte Wecker den also friedlich Schlummernden mit grausamer Hand aus Morpheus’ Armen riß. -------- 5.15 Uhr. Die Bahnhofstraße dröhnt von vereinzelten Stockschlägen. Allmählich, ganz allmählich, findet sich die wackere Schar ein: die einen noch schlaftrunken, die anderen in voller Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Unser Klassenchef war sogar im besten Sonntagsgewand erschienen ---- Und alles lächelte höchst befriedigt. Man stoppt die 25. Minute der sechsten Stunde. „Zum Bahnsteig!“ mahnt unser Führer. „Doch halt! Da fehlt ja noch einer!“ Der Ziegler Fepp! Aber man wußte es ja: der komme wie gewöhnlich eine halbe Minute vor Abfahrt des Zuges. Und wirklich! Schon hatte der Mann mit der roten Mütze die weiße Scheibe mit dem Loch erhoben, um ihn fahren zu lassen (den Zug natürlich!), da war die große Hornbrille in Sicht und eine Viertelsekunde später auch der Fepp. Dank seiner gazellenhaften Beine lag er wenige Sekunden später glücklich in unseren Armen. Die Fahrt nach Saarbrücken ging zwischen Marktkörben und grunzenden Schweinen einigermaßen leidlich vonstatten. In Saarbrücken versieht man sich reichlich mit Lesestoff (Lat. Grammatik, Chemiebuch, usw), und die Fahrt ins Ungewisse beginnt. Zwischen Saarbrücken und Trier ereignet sich nichts von Belang. Lediglich unser Herr Professor weiß durch seinen sprühenden Witz die ganze Reisegesellschaft in eine heitere Stimmung zu versetzen.

Also gelaunt, treffen wir fahrplanmäßig um 9.23 Uhr in Trier Hbf ein. In westlicher Richtung der Nordallee folgend gelangen wir zur Porta nigra, dem mächtigen Römerbauwerke. Der Porta nigra irgendwie das Wort zu reden, hieße Eulen nach Athen tragen. Unser Zeichenkünstler hat sie auch an dieser Stelle der Nachwelt überliefert. Unser nächster Gang galt einem ebenso mächtigen Monument anderen Charakters, dem Dom, der etwa in der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts errichtet wurde. Nach einem kurzen Besuch in der Liebfrauenkirche, einer der schönsten Baudenkmäler des frühgotischen Stils, suchten wird das Hotel „Jugendherberge“ auf, wo wir für die Zeit unseres Aufenthalts in Trier Wohnung zu nehmen gedachten. Es muß hier leider gesagt sein, daß unser Quartier auch nicht den primitivsten Ansprüchen genügen konnte, die man an ein Hotel in unseren Tagen füglich stellen kann, was zur Folge hatte, daß wir so schnell es eben ging, wieder ausrissen. Unser nächster Gang führte uns am „Roten Haus“ vorbei, das die rätselhafte Inschrift trägt: Ante Romani Treveris stetit annis mille tecentis. Perstet et aeterna pace fruatur. Amen. (Worüber sich schon viele Gelehrte vergeblich die Köpfe zerbrochen haben). Darauf fühlt man ein menschliches Rühren ---- im Magen und begibt sich zum Restaurant Schu (angeblich ein Onkel vom Rupp), wo ein frugales [einfaches; d. Red.] Mahl über die momentane Schwächeanwandlung hinweghilft. Ein kurzer Urlaub wird weidlich zu allerhand lustige Späßen ausgenutzt: Wenige wagen sich verwegen in die wogenden Wellen des wallenden Wassers, viele fahren fort von der Festung und finden für frohes Vergnügen fünf fröhlich Freunde.... Manche mögen die Muße meiden und melden der Mutter den mühseligen Marsch und meinen, mit mageren Münzen müsse man morgen und Montag manch mundendes Mittagsmahl meiden.

Um vier Uhr wird Sammeln geblasen. Die Stimmung ist mittlerweile auf den höchsten Grad gestiegen, denn das Pensum für heute war bald erledigt, und dann als völlig Unbekannter in der weltfremden Stadt noch für wenige Stunden die goldene Freiheit genießen zu dürfen -- Herz, was willst du mehr? Der Rundgang durch die Stadt fand mit der Besichtigung der „römischen Bäder“ seinen Fortgang. Daran schloß sich ein Besuch der sog. Kaiserthermen an, die hier abgebildet sind. In wenigen Minuten waren wir zum Amphitheater gelangt, das im Volksmund richtiger als „Kaskeller" bezeichnet wird. Um die Basilika suchten wir uns zunächst scheu herumzudrücken, nicht etwa, weil wir uns irgendeiner Schuld bewußt waren, sondern da wir sie alle für ein Gefängnis hielten. Glücklicherweise kam uns er rettende Engel in Gestalt des Herrn Studiendirektors Dr. Kees, der uns über den verhängnisvollen Irrtum aufklärte. In beredten Worten und vielsagenden Gesten sprach er über Altertum und Griechen, über Klassik und Renaissance, Begriffe, denen ein Oberprimaner weder Teilnahme noch Verständnis entgegenbringen kann. Mit einer Träne der Rührung im Auge schied er von seiner aufmerksamen Zuhörerschaft. Damit war für uns der offizielle Teil des Tages erledigt. Wie die Einzelnen ihren Feierabend genossen, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit.

Der zweite Tag

Der Vollständigkeit halber müsste ich diesen Abschnitt eigentlich mit einer Abhandlung über die Unzulänglichkeiten einer Jugendherberge und insbesondere der Schlafgelegenheiten beginnen. Denn wenn man sich vor dem zu Bett gehen mit einem gegen Hieb und Stich gefeiten Gummimantel bewaffnen muß, so kann sich der geneigte Leser eine ungefähre Vorstellung davon machen, mit welchen Widerwärtigkeiten ein armer Herbergsgast zu kämpfen hat. Einige ganz Schlaue haben sich deshalb in richtiger Erkenntnis der Sache erst gar nicht in das Wespennest gewagt oder wenigstens nur für wenige Minuten sich den Liebkosungen gewisser Tierchen ausgesetzt, die man für gewöhnlich als Schnaken zu bezeichnen beliebt. Aber Schwamm darüber! Kaum hatte die neugierige Sonne ihre Strahlen zum Fenster -Verzeihung! zu der winzigen Dachluke hereingeschickt, und wieder hieß es rüsten zu neuen Taten. Pünktlich um 7.30 Uhr hatten sich alle am Bahnhof eingefunden, selbst Herr Professor war vollzählig erschienen. Echternach war das nächste Ziel unserer Reise. Daselbst trafen wird pünktlich um 10 Uhr ein, nicht ohne daß wir auf der Fahrt alle Lieder und Schlager vom „Herz in Heidelberg“ bis nach „Valencia“ zigmal in die Welt geschmettert hatten. In der Stadt selbst war unseres Bleibens nicht bange; gleich traten wir die Wanderung durch das idyllische Müllertal an. Den romantisch Angehauchten möchte ich indessen empfehlen, den Waldweg zur Linken einzuschlagen, denn hier ganz besonders hat die Natur ihr launisches Spiel getrieben: Gesteinsformationen von der sonderbarsten Form, Felsblöcke, wie sie sich von denen des Gaurisankar, beispielsweise, nur durch ihre Dimension unterscheiden, Schluchten und Höhlen, die weiß Gott von welchen Ungeheuern zu erzählen wissen, kurz, es fehlte nur noch die blaue Blume, und die Sehnsucht der Romantiker wäre ein für allemal gestillt. Man möchte noch gerne länger an diesen gesegneten Orten verweilen, was aber wieder durch einen höchst prosaischen Umstand vereitelt wird: die ganze Gesellschaft hat Hunger. Was blieb uns anderes übrig, als eilenden Fußes nach Berdorf zu ziehen, um dort dem grollenden Magen nassen Tribut zu zahlen? Nicht zu vergessen, dass sich gleichfalls hier einige mit bestem Erfolge in der Kochkunst produzierten, was die Tatsache beweist, dass einige anwesende Franzosenweiber darob ganz ratlos die Köpfe schüttelten und meinten „Voyes ces droles!“ (auf deutsch: „das können wir nicht!“).

Während nun die einen die Räuberhöhle (nur keine Angst, bitte) auf einen etwaigen unliebsamen Gast zu untersuchen sich anschickten, zogen es die anderen vor, an Ort und Stelle recht eifrig dem Kegelsport obzuliegen, was Anlass zu teilweise recht merkwürdigen Betrachtungen gab. Die einen konnten es sich nicht verkneifen, den jeweiligen Keglern eine recht eindringliche Moralpauke über die „schiefe Ebene“ zu halten. Andere versuchten ihre physikalischen Kenntnisse an diesem zweideutigen Objekt zu produzieren. Wieder andere stimmten höchste begeistert das Lied vom „Kegeln auf der Kegelbahn“ an. Und last not least sei derer gedacht, die an Hand der Kugel sich die mathematischen Formeln nochmals eindringlich zu Gemüte führten. Sie sehen also, daß diese scheinbaren Spielerein zu recht geistreichen Betrachtungen anregen können, aus d welchem Grunde allein schon der Sport im allgemeinen und der des Kegelns im besonderen an den Schulen eine geeignete Pflegestätte finden müßte. Nur allzu früh schlug die Trennungsstunde, und bewegten Herzens nahmen wir Abschied von Berdorf und der uns lieb gewordenen Kegelbahn. In Echternach angekommen bemerkten einige urplötzlich, daß der Flaum an Kinn und Wangen stärker denn je gesprossen, und dass, auch im Hinblick auf den morgigen Sonntag, der Gang zum Verschönerungsrat (auf gut deutsch Friseur!) eine unumgängliche Notwendigkeit sei. Gesagt, getan. Von der unbequemen Gesichtsmaske befreit, eröffnen sich für den kommenden Tag die denkbar günstigsten Perspektiven. Und nun zum Bahnhof. Die Rückreise nach Trier verläuft in der üblichen Weise: derbe Witze und sogenannte Lieder wechseln in bunter Reihenfolge miteinender ab, vortrefflich gewürzt durch die humorsprühenden „Zwischenfälle“ unseres Herrn Professors. In Trier angekommen, traten wird den bitteren Gang nach Kanossa an. Aber schon machten sich die Strapazen des Tages unliebsam bemerkbar: wir verkriechen uns in unsere „Betten“, und wenige Minuten später liegt alles in tiefem Schlafe.

Der dritte Tag

Der letzte Tag und ein Sonntag obendrein! Was Wunder, wenn wir uns von diesem Tag etwas ganz Besonders versprochen hatten? Eine Überraschung sollte dieser Sonntag werden, und er wurde es. In seiner Art. Wir hatten uns unter dieser Überraschung etwas ganz, ganz anders vorgestellt. So eine Art Austoben. Daß aber gerade das Gegenteil der Fall war, wer hätte sich das von uns träumen lassen? Innere Einkehr, Gottesdienst, vielleicht ohne überhaupt ein Gotteshaus gesehen zu haben, war das nicht sonderbar? Überhaupt war es ein eigen Ding um diesen Sonntag, in dem schönen luxemburgischen Hauptstädtchen. Er bot soviel Erbauliches, daß selbst wir Oberprimaner, die wir doch kaum den Flegeljahren entwachsen sind, diesen Teil unseres Ausfluges als den schönsten ansprechen konnten. Heller Sonnenschein liegt über der kleinen Stadt., als wir vormittags um 10 Uhr, wiederum von Trier kommend, eintreffen. Blumengeschmückte Häuser, Straßen im schönsten Grün bedeuten uns, daß dieser Sonntag ein Tag von ganz besonderer Art ist. Schließlich erregt eine schwarze Menschenmasse unsere Aufmerksamkeit. Eine Prozession schreitet in unendlich langem Zuge durch die Straßen. Priester in schwarzen Gewändern, Priester und kein Ende. Selbst den Bischof zu sehen ist uns vergönnt, wie er bald recht und bald links in väterlicher Weise seinen Segen spendet. Feierlich stimmen auch die andächtig monotonen Gebete der Gläubigen, nur die Musik mutet uns etwas tanzbodenartig an. Aber schließlich ist eine Prozession ja auch kein Trauerzug. Inzwischen erfahren wird zufälligerweise, daß um 12 Uhr Platzkonzert eines Musikvereins sei, der heute sein 75 jähriges Bestehen feiert. Die uns bis dahin zur Verfügung stehende Zeit nutzen wir zu einigen Besichtigungen aus. Zuerst besuchen wird das großherzogliche Schloß, dann ergehen wir uns ein Weilchen in dem großen Park, der sich rings um die Stadt herum zieht. Dann lassen wir bei einer Tasse Kaffee die feierlichen Klänge der Musikkapelle auf uns wirken. Nach diesem Kunstgenuß fordert auch der Magen gebieterisch seine Rechte. Wir suchen also ein Lokal auf, wo wir einen kleinen Imbiß zu uns nehmen können, und haben uns gerade bei einer Tasse Bouillon häuslich niedergelassen, als ein Herr eintritt, der in uns gleich die Saarländer erkennt. Eine Frage, die erkennen läßt, daß er über die Verhältnisse im Saargebiet schlecht unterrichtet ist, veranlaßt Burgard zu einer lange Rede, in der er heftig widerpricht und lebhaft gestikulierend sein Deutschtum bekennt. Da treten dem alten Herrn die Tränen in die Augen. Und er meint, es freu ihn, das zu hören. Er selbst habe zwei Söhne auf dem Felde der Ehre verloren, und auch er sei ein treuer Sohn seines Vaterlandes. Das wurden wir aufmerksam, wir scharen uns um ihn und lauschen seinen Worten,. Da erzählt er uns, wie er früher auf sich selbst angewiesen, wie er als Schiffsjunge die Welt gesehen, wie er in Afrika und China gekämpft, wie er Deutschlands Aufstieg und Fall miterlebt und wie er und einige Getreuen im Stillen am Wiederaufstieg Deutschlands arbeiteten. Zum Dank sangen wir begeistert uns Saarlied und schieden in vorgerückter Stunde, nicht ohne einen erklecklichen Streifen auf das Wohl unseres Vaterlandes getrunken zu haben. In dem Bewusstsein, den schönsten Teil unseres Ausfluges verlebt zu haben, traten wir die Heimreise an. Nach einem kuren Aufenthalt in Trier ging’s mit geschwellten Segeln den heimatlichen Pannaten (?) zu. Schluß? Der Ausflug war sehr schön. Hoffentlich war es der letzte. Lothar Krämer L.K.

Ausflug Rhein – O I –1930

Klassenausflug der Oberprima 1930/31
[Oberprima = höchste Klasse am Gymnasium, damals 13. Klasse, d. Red]

Seit Weihnachten schon wurde gesammelt; dem Bartsch [Name; d. Red.] musste man wöchentlich 3 frs. [Franc, damalige franz. Währung, die damals auch im Saarland verwendet wurde; d. Red.] bezahlen, wollte man auf dem Laufenden bleiben. Alle 14 Tage wurde der Mammon [damit ist das eingesammelte Geld gemeint; d. Red.] auf die Sulzbacher Volksbank getragen, wo er dann friedlich ruhte, bis er, samt den Zinsen, am Dienstag, 24. Juni 1930 abgeholt wurde: 96 frs. plus 5 % Zinsen.

Ein ansehnliches Sümmchen. Es sollte für 4 ½ Tage reichen. Weil es, hoffentlich, der letzte Ausflug unter den Fittichen des allbeliebten Herrn Professors Nieveler sein sollte, gedachte man mal wieder ein bisschen an den Rhein zu gehen, diesmal aber ein wenig weiter. Gut. Am Mittwoch Nachmittag 2.40 Uhr fand sich alles, darunter auch zwei Damen, mit zierlichen Köfferchen und Stöckelschühchen bewaffnet, auf dem Bahnhof ein. Die Saarbrücker saßen schon im Zug. Am Fenster prangte ein mit Spucke notdürftig befestigter Zettel mit der Blaustiftaufschrift „Reserviert“, von Schaffnerhand geschrieben. Es begann die ziemlich langweilige Fahrt nach Bingerbrück. Man stelle sich vor: 5 Stunden Bummelzug! Die Zeit wurde mit allen möglichen Knüppeln totgeschlagen, und schließlich erreichten wir Bingerbrück. Der Aufenthalt wurde benutzt, rasch einen und zwei hinter die Binde zu gießen. Dann brachte uns der Zug nach Bacharach, wo wir die erste Nacht auf Burg Stebach verbringen wollten, unter Ächzen und Stöhnen stiegen wir ein - wer lange sitzt, muß rosten - den Burgberg hinan und fanden Unterkunft im selben Raum wie vor 2 Jahren.

Das Missliche war, dass die Bude um ½ 10 Uhr schon geschlossen wurde, wir also gerade noch zu Abend speißen konnten und dann in die Falle kriechen mussten. Viel Radau wurde nicht gemacht. Nur der arme Dillinger wurde verdächtigt, das bisschen, ohne das es doch nicht abgeht, hervorgerufen zu haben.

Am andern Morgen regnete es Bindfäden, doch guter Dinge stiegen wir schon vor 7 Uhr den Berg hinunter zur Bahn und fuhren mit dem Eilzug nach Bad Godesberg, dem Ziel unseres Ausfluges. Von der Fahrt am Rhein hatten wir nicht viel wegen des Regens. In Godesberg stapften wir, unsere aufsteigende schlechte Laune herunterwürgend, auf endlosen Pfaden der Jugendherberge zu. Sie übertraf unsere sämtlichen Erwartungen. Ein wirklich feines Haus! Da wir in Bacharach noch kein Frühstück bekommen hatten, holten wird das Versäumte nach und aßen wie die Scheunendrescher, so dass unsere Vorräte merklich zusammenschrumpften. Mit Mänteln bewaffnet - einige ganz Verwegene hatten überhaupt keinen da - zogen wir dann bei ständigem Regenwetter auf die Godesburg. Lebhaft stand uns dabei die Geschichtsstunde vor Augen, in der wir nicht wußten, dass diese Burg anläßlich des Kölner Kirchenstreites zerstört wurde, und wir dafür dies und jenes einstecken mussten. Eine große Fernsicht genossen wir nicht, das Siebengebirge lag in Wolken gehüllt. Was blieb uns da anderes übrig, als wieder abzusteigen und beim Ännchen einzukehren. Erfreulicherweise bestellten sich dort einige Zitronensaft und keinen Alkohol. Ein starkes Stück für Oberprima!

Allsogleich begann auch die Kartenschreiberei. Auf allen war Gejammer über das Wetter zu lesen. Doch damit wurde es auch nicht besser. Es regnete weiter. Der Nachmittag war für Privatunternehmungen frei gehalten. Ich entschloß mich, nach Brühl zu fahren, wo mein alter, unbeweibter [lediger; d. Red.] Apothekeronkel hauste. Infolgedessen entzieht es sich meiner Kenntnis, was die Übrigen alles auf den Kopf gestellt haben. Der Abend war klar und schön. Um ½ 10 Uhr mußten wir unsere Schlafräume aufsuchen. Verschiedene wollten noch „brausen“. Doch, Kirschekuchen! Auch die Brausen für Knaben waren mit Beschlag belegt vom weiblichen Geschlecht, das überaus zahlreich hier vertreten war und sich durch vorlautes Wesen auszeichnete. Im Laufe der Zeit vertrugen wir uns aber mit der Gesellschaft. Was blieb uns auch anderes übrig? Dafür spülten sie denn auch unser Geschirr!

Am Freitag morgen sollte die Reise „ins Siwejebirge“ steigen. Wir warteten, bis der Regen aufhörte, und zogen um 9 Uhr los. Mit der elektrischen Fähre setzten wird nach Niederdollendorf über und wanderten dann nach Heisterbach. Den Getränken der Klosterwirtschaft wurde leider mehr Beachtung geschenkt als der ehrwürdigen Ruine. Von hier ging es weiter nach dem Petersberg. Nach allen Seiten genossen wir die schöne Aussicht. Auf dem Wege nach dem Ölberg wurden wir noch einmal gehörig gewaschen. Aber dann war`s Schluß mit dem Regen für die ganze Fahrt. Im Margarethenhof machten wird Mittagsrast. So allmählich bildeten sich auch die einzelnen Gruppen, die ständig beisammen waren: 3 Saarbrücker, die Grandseigneurs, dann noch das gemischte Kleeblatt, bestehend aus Pitt und den beiden Damen. Die übrigen hüpften wie unschuldige Lämmer bald hier, bald dorthin. Auffallend war die Faulheit bei manchen Leuten, die jetzt schon jammerten über den gar nicht beschwerlichen, sehr schönen, lustigen Marsch. Am Fuß der Löwenburg blieben einige zurück und warteten, bis die anderen wieder herunter kamen. Zum Schluß wurde noch der Drachenfels genommen. Die Fernsicht war wundervoll. Am Horizonte konnten wir die Kölner Domtürme erkennen. Engländer gab es genug hier oben, die vor jedem Stein des „castle rag of Drachenfels“ mit einem „very nice“ und Stielaugen stehen blieben. Dann stiegen wir zwischen Photographen, Wahrsagerinnen, Erinnerungsverkaufsständen u.a. schönen Dingen hindurch nach Königswinter hinunter und kehrten bei Bellinghausen ein, wo wir Erdbeerhümpchen, Erdbeertorte mit Schlagsahne und andere Dinge verdrückten.

Mit dem Motorbötchen fuhren wird dann nach Godesberg hinüber. In der Herberge fanden wir die doppelte Ration Frauenzimmer und eine englische Knabenklasse aus Newcastle vor. Diesen Abend kamen die meisten zu ihrem Brausebad, fanden aber nicht rechtzeitig den Weg zum Schlafsaal und mussten sich im Dunklen vorwärts tasten. Im Schein der Taschenlampen richteten sie notdürftig ihr Bett (?) für die Nacht. Vor dem Einschlafen war es notwendig, dass die Luft etwas durch Kölnisch Wasser verbessert wurde. Warum? Keiner war`s gewesen!! Samstagmorgen. Aufstehen wie immer 6 Uhr. Aber schon vorher wurde der nötige Krach gemacht, die anderen zu wecken. Für diesen Tag hatten wir nicht viel vor. Wir konnten also in Muße frühstücken. Schlafssaal und Waschraum brauchten wir nicht zu reinigen. Es waren andere an der Reihe. Wir liefen also zum Bahnhof und fuhren mit der Elektrischen bis Mehlem, wanderten mit kleinen Unterbrechungen über den Rolandsturm zum Rolandsbogen. Hildebrand hatte heute seinen Apparat mitgenommen. Es wurde demnach auch geknipst nach Noten, um das Versäumte von Freitag - der Unglaubliche hatte seinen Apparat vergessen - nachzuholen. In einem Kellerrestaurant in Rolandseck speißten wir für 1,50 M [Mark, ehemalige Währung Deutschland; d. Red.] zu Mittag. Das Essen war gut, aber zu wenig. Nun wollten wir eigentlich nach Honnef hinüber, waren aber zu faul. So bestellte denn unser guter Herr Professor ein Motorboot, das uns zum Schwimmbad nach Godesberg brachte. 5 Mann, darunter auch ich, gingen „natürlich“ gleich zur Herberge.
Hier war es öd und leer. Alles was ausgeflogen. Da wir oben nicht s zu tun hatten, wollten wir uns behilflich erweisen und fingen an, Kartoffeln zu schälen. Alle 15 Minuten durfte einer ans Maschinchen, die übrigen mußten dann mit dem Messer schälen. So verbrachten wir im Schweiße unseres Angesichts 3 genußreiche Stunden. Zum Dank für unsere Mühen bekamen wir unser Abendessen, sonst 20 ch, 20 ch billiger und obendrein noch Zitronenpudding! Das war doch anständig. Dafür gönnten wir den anderen schon, dass sie sich in ihrem Schwimmbad bei angeblich 13° im Wasser, blau und grün froren. In Wirklichkeit waren es 17° im Wasser, wie auch angeschrieben war. Nach dem Essen rückten noch verschiedene Gruppen an, unter anderem auch ein alter Schulmeister mit Frau und Klasse, die wir schon vor 2 Jahren in Bacharach kennen gelernt hatten. Sämtliche Nichtangemeldeten, über 50, mussten wieder abrücken. Die Herberge war überfüllt. Auf der Terrasse wurde dann noch ein bisschen Tanz gemacht. Hans Huppert holte seine Geige hervor, es wurde ein bisschen getanzt und gesungen. Die Herbergsmutter erwirkte uns, daß wir bis 10 Uhr aufbleiben durften, weil’s Samstagabend war. Sie hatte uns ins Herz geschlossen, weil wir es als Oberprimaner nicht unter unserer Würde hielten, Kartoffeln zu schälen. Am Sonntagmorgen gingen die, welche frommen Herzens sind, in die Kirche. Danach wurde gemütlich Kaffee getrunken und noch eine Menge Aufnahmen gemacht, wozu wir die Elberfelder Damen einluden. Dann schlug die Abschiedsstunde. Mit Bedauern sahen die Herbergsleiter uns nette Menschen ziehen. Die Elberfelder begleiteten uns in dankenswerter Weise bis zum weiten Bahnhof. Bis der Zug kam, gab Taddy noch einige Gastrollen. Dann dampften wir unter Tücherschwenken ab nach Koblenz. Hier hatten wir eine Stunde Aufenthalt, besuchten das Deutsche Eck und gingen zu dann zum Dampfer, der uns nun, o Manne, 4 ½ Stunden heimwärts tragen sollte bis Assmannshausen. Das war für alle Rheinbegeisterte der Höhepunkt des Ausfluges. Dazu hatten wir das herrlichste Wetter und ausgezeichnete Plätze. Langweilig wurde es, glaube ich, keinem. Die ganze Zeit über. In Assmannshausen kehrten wir in die Winzerschenke ein, wo der Ausflug noch ein bißchen mit Rebensaft [Wein; d. Red.] begossen wurde. Um 1/2 8 Uhr zogen wir in fideler Stimmung zum Bahnhof und stiegen in den Zug, der uns über die große Hindenburgbrücke der Heimat zuführte. Ich wüsste nicht, daß sich etwas Bemerkenswertes auf dieser Fahrt ereignet hätte. Um 11 Uhr kamen wir in Neunkirchen an. Die Saarbrücker blieben im Zuge sitzen. Die Sulzbacher stiegen aus, weil der verflixte Zug in Sulzbach nicht hält.
Um ½ 12 Uhr kamen wir wohlbehalten an. Wäre der Ausflug ein paar Tage später gewesen, dann hätten wir die Befreiung des Rheines [Ende der Rheinland-Besetzung durch die Alliierten nach dem 1. Weltkrieg am 01.07.1930; d. Red] an Ort und Stelle mitfeiern können. Eines hat mich besonders gefreut, wenn das auch wenig galant ist: Unsere beiden Damen haben ihre verdammten Köfferchen mit den Seidenstrümpfen, Parfüm, Brauschere usw. den ganzen Weg allein tragen müssen. Und das war richtig so!

Eugen Biehl.

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