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Ausflug Trier-Luxemburg O I 1927

Ausflug Trier-Luxemburg – O I 1927 - Seite 1 bis 16 Der Klassenausflug der O I anno 1927 nach Trier-Luxemburg - Sulzbach-Saar, 5.VII.1927Klassenausflug? Was hätte uns armen geplagten Oberprimanern mehr zusagen können, als der Gedanke an ein dreitägiges fröhliches Beisammensein im Kreise lieber Mitschüler unter der bewährten Führung unseres hochgeschätzten Klassenleiters? Drei Tage lang bei ungezwungener Unterhaltung in lustiger Gesellschaft zu sein, nach Herzenslust singen und scherzen zu dürfen und nicht zuletzt  Gottes prächtige Natur mit vollen Zügen genießen zu können, ohne gewärtigen zu müssen, eine sogenannte Übersetzung von Sallusts Jugurthinischem Krieg mit einer dicken 4 quittiert zu sehen oder mit den Formeln der allverehrten Chemie geplagt zu werden, - war das nicht ein herrlicher Gedanke?Doch offen gestanden: man unterließ es nicht, auch die Kehrseite der Medaille auf eine etwaige Unbequemlichkeit hin zu untersuchen, und in diesem Falle war der Wermutstropfen im Freudenbecher der Gedanke an die verwünschten Gewaltmärsche der früheren Jahre und besonders des letzten, von dem unser Ordinarius meinte, daß wir unseren Kindern und Kindesskindern mit berechtigtem Stolz von unseren Heldentagen berichten könnten. Denn eine Strecke von nahezu 100 km (genau waren es 57,3) auf Schusters Rappen zurückzulegen, ist eine Leistung, die in der Weltgeschichte ihresgleiches sucht. Indessen glaube ich, aus dem Herzen aller meiner Mitschüler gesprochen zu haben, dass uns an der Wiederholung solcher Heldentaten verdammt wenig gelegen war (zwar waren keine Blutströme geflossen, dafür aber Schweißtropfen ohne Zahl. Daher übrigens das köstliche Aroma des Pfälzer Weins in diesem Jahr). So hatten wir uns denn vorbehalten, dass unser heuriger Ausflug eine gemütliche Sache werden solle und unseren Herrn Professor gebeten, doch mit seinem Wandersegen einzuhalten. Professoren sind für gewöhnlich gutmütige Leute, mit butterweichem Herzen. So nahm es uns denn nicht weiter Wunder, als  wir hörten, dass die 100 km vom vorigen Jahr auf 20 in diesem reduziert seien. Über das Reisziel war man bald einig. Die üblichen Redeschlachten, geführt von dem bekannten Dauerredner Borgard (2 : 01 Min), wurden fast vollkommen vermieden. Nach kurzem Geplänkel stand es  fest (das Reiseziel nämlich): Trier, luxemburgische Schweiz, Stadt Luxemburg: Gerade nicht besonders weit, für den Geldbeutel erträglich, dabei viel zu sehen und vor allem -- Wein, Wein Wein, Wein. Kommen wir nach dieser etwas langatmigen Einleitung zur Tagesordnung.
Noch ehe ein Hahn gekräht, noch ehe ein Strahl der Morgensonne sich in das Gemach des Schläfers verwirrt, hatte für ihn schon das Stündlein geschlagen, als nämlich der verwünschte Wecker den also friedlich Schlummernden mit grausamer Hand aus Morpheus’ Armen riß. -------- 5.15 Uhr. Die Bahnhofstraße dröhnt von vereinzelten Stockschlägen. Allmählich, ganz allmählich, findet sich die wackere Schar ein: die einen noch schlaftrunken, die anderen in voller Erartung der Dinge, die da kommen sollten. Unser Klassenchef war sogar im besten Sonntagsgewand erschienen. ---- Und alles lächelte höchst befriedigt. 
Man stoppt die 25. Minute der sechsten Stunde. „Zum Bahnsteig!“ mahnt unser Führer. „Doch halt! Da fehlt ja noch einer!“ Der Ziegler Fepp! Aber man wußte es ja: der komme wie gewöhnlich eine halbe Minute vor Abfahrt des Zuges. Und wirklich! Schon hatte der Mann mit der roten Mütze die weiße Scheibe mit dem Loch erhoben, um  ihn  fahren zu lassen (den Zug natürlich!), da war die große Hornbrille in Sicht und eine Viertelsekunde später auch der Fepp. Dank seiner gazellenhaften Beine lag er wenige Sekunden später  glücklich in unseren Armen.Die Fahrt nach Saarbrücken ging zwischen Marktkörben und grunzenden Schweinen einigermaßen leidlich vonstatten. In Saarbrücken versieht man sich reichlich mit Lesestoff (Lat. Grammatik, Chemiebuch, usw), und die Fahrt ins Ungewisse beginnt. Zwischen Saarbrücken und Trier ereignet sich nichts von Belang. Lediglich unser Herr Professor weiß durch seinen sprühenden Witz die ganze Reisegesellschaft in eine heitere Stimmung zu versetzen. Also gelaunt, treffen wir fahrplanmäßig um 9.23 Uhr in Trier Hbf ein. In westlicher Richtung der Nordallee folgend gelangen wir zur Porta nigra, dem mächtigen Römerbauwerke. Der Porta nigra irgendwie das Wort zu reden, hieße Eulen nach Athen tragen. Unser Zeichenkünstler hat sie auch an dieser Stelle der Nachwelt überliefert. Unser nächster Gang galt einem ebenso mächtigen Monument anderen Charakters, dem Dom, der etwa in der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts errichtet wurde. Nach einem kurzen Besuch in der Liebfrauenkirche, einer der schönsten Baudenkmäler des frühgotischen Stils, suchten wird das Hotel „Jugendherberge“ auf, wo wir für die Zeit unseres Aufenthalts in Trier Wohnung zu nehmen gedachten. Es muß hier leider gesagt sein, daß unser Quartier auch nicht den primitivsten Ansprüchen genügen konnte, die man an ein Hotel in unseren Tagen füglich stellen kann, was zur Folge hatte, daß wir so schnell es eben ging, wieder ausrissen. Unser nächster Gang führte uns am „Roten Haus“ vorbei, das die rätselhafte Inschrift  trägt: Ante Romani  Treveris stetit annis mille tecentis. Perstet et aeterna pace fruatur. Amen. (Worüber sich schon viele Gelehrte vergeblich die Köpfe zerbrochen haben). Darauf fühlt man ein menschliches Rühren ---- im Magen und begibt sich zum Restaurant Schu (angeblich ein Onkel vom Rupp), wo ein frugales Mahl über die momentane Schwächeanwandlung hinweghilft. Ein kurzer Urlaub wird weidlich zu allerhand lustige Späßen ausgenutzt: Wenige wagen sich verwegen in die wogenden Wellen des wallenden Wassers, viele fahren fort von der Festung und finden für frohes Vergnügen fünf fröhlich Freunde.... Manche mögen die Muße meiden und melden der Mutter den mühseligen Marsch und meinen, mit mageren Münzen müsse man morgen und Montag manch mundendes Mittagsmahl meiden.
Um vier Uhr wird Sammeln geblasen. Die Stimmung ist mittlerweile auf den höchsten Grad gestiegen, denn das Pensum für heute war bald erledigt, und dann als völlig Unbekannter in der weltfremden Stadt noch für wenige Stunden die goldene Freiheit genießend zu dürfen -- Herz, was willst du mehr?
Der Rundgang durch die Stadt fand mit der Besichtigung der „römischen Bäder“ seinen Fortgang. Daran schloß sich ein Besuch der sog. Kaiserthermen an, die hier abgebildet sind. In wenigen Minuten waren wir zum Amphitheater gelangt, das im Volksmund richtiger als „Kaskeller „ bezeichnet wird.   Um die Basilika suchten wir uns zunächst scheu herumzudrücken, nicht etwa, weil wir uns irgendeiner Schuld bewußt waren, sondern da wir sie alle für ein Gefängnis hielten. Glücklicherweise kam uns er rettende Engel in Gestalt des Herrn Studiendirektors Dr. Kees, der uns über den verhängnisvollen Irrtum aufklärte. In beredten  Worten und vielsagenden Gesten sprach er über Altertum und Griechen, über Klassik und Renaissance, Begriffe, denen ein Oberprimaner weder Teilnahme noch  Verständnis entgegenbringen kann. Mit einer Träne der Rührung im Auge schied er von seiner aufmerksamen Zuhörerschaft. Damit war für uns der offizielle Teil des Tages  erledigt. Wie die Einzelnen ihren Feierabend genossen, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit.

Der zweite Tag

Der Vollständigkeit halber müsste ich diesen Abschnitt eigentlich mit einer Abhandlung über die Unzulänglichkeiten einer Jugendherberge und insbesondere der Schlafgelegenheiten beginnen. Denn wenn man sich vor dem zu Bett gehen mit einem gegen Hieb und Stich gefeiten Gummimantel bewaffnen  muß, so kann d sich der geneigte Leser eine ungefähre Vorstellung davon machen, mit welchen Widerwärtigkeiten ein armer Herbergsgast zu kämpfen hat. Einige ganz Schlaue haben sich deshalb in richtiger Erkenntnis der Sache erst gar nicht in das Wespennest gewagt oder wenigstens nur für wenige Minuten sich den Liebkosungen gewisser Tierchen ausgesetzt, die man für gewöhnlich als --- Schnaken zu bezeichnen beliebt. Aber Schwamm darüber! Kaum hatte die neugierige Sonne ihre Strahlen zum Fenster -Verzeihung! zu der winzigen Dachluke hereingeschickt, und wieder hieß es rüsten zu neuen Taten. Pünktlich um 7.30 Uhr hatten sich alle am  Bahnhof eingefunden, selbst Herr Professor war vollzählig erschienen. Echternach war das nächste Ziel unserer Reise. Daselbst trafen wird pünktlich um 10 Uhr ein, nicht ohne daß wir auf der Fahrt alle Lieder und Schlager vom „Herz in Heidelberg“ bis nach „Valencia“ zigmal in die Welt geschmettert hatten. In der Stadt selbst war unseres Bleibens nicht bange; gleich traten wir die Wanderung durch das idyllische Müllertal an. Den romantisch Angehauchten möchte ich indessen empfehlen, den Waldweg zur Linken einzuschlagen, denn hier ganz besonders hat die Natur ihr launisches Spiel getrieben:  Gesteinsformationen von der sonderbarsten Form, Felsblöcke, wie sie sich von denen des Gaurisankar, beispielsweise, nur durch ihre Dimension unterscheiden, Schluchten und Höhlen, die weiß Gott von welchen Ungeheuern zu erzählen wissen, kurz, es fehlte nur noch die blaue Blume, und die Sehnsucht der Romantiker wäre ein für allemal gestillt. Man möchte noch gerne länger an diesen gesegneten Orten verweilen, was aber wieder durch einen höchst prosaischen Umstand vereitelt wird: die ganze Gesellschaft hat Hunger. Was blieb uns anderes übrig, als eilenden Fußes nach Berdorf zu ziehen, um dort dem grollenden Magen nassen Tribut zu zahlen?  Nicht zu vergessen, dass sich gleichfalls hier einige mit bestem Erfolge in der Kochkunst produzierten, was die Tatsache beweist, dass einige anwesende Franzosenweiber darob ganz ratlos die Köpfe schüttelten und meinten „Voyes ces droles!“ (auf deutsch: „das können wir nicht!“)Während nun die einen die Räuberhöhle (nur keine Angst, bitte) auf einen etwaigen unliebsamen Gast zu untersuchen sich anschickten, zogen  es die anderen vor, an Ort und Stelle recht eifrig dem Kegelsport obzuliegen, was Anlass zu teilweise recht merkwürdigen Betrachtungen gab. Die einen konnten es sich nicht verkneifen, den jeweiligen Keglern eine recht eindringliche Moralpauke über die „schiefe Ebene“ zu halten. Andere versuchten ihre physikalischen Kenntnisse an diesem zweideutigen Objekt zu produzieren. Wieder andere stimmten höchste begeistert das Lied vom „Kegeln auf der Kegelbahn“ an. Und last not least sei derer gedacht, die an Hand der Kugel sich die mathematischen Formeln nochmals eindringlich zu Gemüte führten. Sie sehen also, daß diese scheinbaren Spielerein zu recht geistreichen Betrachtungen anregen können, aus d welchem Grunde allein schon der Sport im allgemeinen und der des Kegelns im besonderen an den Schulen eine geeignete Pflegestätte finden müßte. Nur allzu früh schlug die Trennungsstunde, und bewegten Herzens nahmen wir Abschied von Berdorf und der uns lieb gewordenen Kegelbahn.
In Echternach angekommen bemerkten einige urplötzlich, daß der Flaum an Kinn und Wangen stärker denn je gesprossen, und dass, auch im Hinblick auf den morgigen Sonntag, der Gang zum Verschönerungsrat (auf gut deutsch Friseur!) eine unumgängliche Notwendigkeit sei. Gesagt, getan. Von der unbequemen Gesichtsmaske befreit, eröffnen sich  für den kommenden Tag die denkbar günstigsten Perspektiven.
Und nun zum Bahnhof. Die Rückreise nach Trier verläuft in der üblichen Weise: derbe Witze und sogenannte Lieder wechseln in bunter Reihenfolge miteinender ab, vortrefflich gewürzt durch die humorsprühenden „Zwischenfälle“ unsseres Herrn Professors. In Trier angekommen, traten wird den bittern Gang nach Kanossa an. Aber schon machten sich die Strapazen des Tages unliebsam bemerkbar: wir verkriechen uns in unsere „Betten“, und wenige Minuten später liegt alles in tiefem Schlafe.

Der dritte Tag

Der letzte Tag und ein Sonntag obendrein! Was Wunder, wenn wir uns von diesem Tag etwas ganz Besonders versprochen hatten? Eine Überraschung sollte dieser Sonntag werden, und er wurde es. In seiner Art. Wir hatten uns unter dieser Überraschung etwas ganz, ganz anders vorgestellt. So eine Art Austoben. Daß aber gerade das Gegenteil der Fall war, wer hätte sich das von uns träumen lassen? Innere Einkehr, Gottesdienst, vielleicht ohne überhaupt ein Gotteshaus gesehen zu haben, war das nicht sonderbar? Überhaupt war es ein eigen Ding um diesen Sonntag, in dem schönen luxemburgischen Hauptstädtchen. Er bot soviel Erbauliches, daß selbst wir Oberprimaner, die wir doch kaum den Flegeljahren entwachsen sind, diesen Teil unseres Ausfluges als den schönsten ansprechen konnten. Heller Sonnenschein liegt über der kleinen Stadt., als wir vormittags um 10 Uhr, wiederum von Trier kommend, eintreffen. Blumengeschmückte Häuser, Straßen im schönsten Grün  bedeuten uns, daß dieser Sonntag ein Tag von ganz besonderer Art ist. Schließlich erregt eine schwarze Menschenmasse unsere Aufmerksamkeit. Eine Prozession schreitet in unendlich langem Zuge durch die Straßen. Priester in schwarzen Gewändern, Priester und kein Ende. Selbst den Bischof zu sehen ist uns vergönnt, wie er bald recht und bald links in väterlicher Weise seinen Segen spendet. Feierlich stimmen auch die andächtig monotonen Gebete der Gläubigen, nur die Musik mutet uns etwas tanzbodenartig an. Aber schließlich ist eine Prozession ja auch kein Trauerzug. Inzwischen erfahren wird zufälligerweise, daß  um 12 Uhr Platzkonzert eines Musikvereins sei, der heute sein 75 jähriges Bestehen feiert. Die uns bis dahin zur Verfügung stehende Zeit nutzen wir zu einigen Besichtigungen aus. Zuerst besuchen wird das großherzogliche Schloß, dann ergehen wir uns ein Weilchen in dem großen Park, der sich rings um die Stadt herum zieht. Dann lassen wir bei einer Tasse Kaffee die feierlichen Klänge der Musikkapelle auf uns wirken. Nach diesem Kunstgenuß fordert auch der Magen gebieterisch seine Rechte. Wir suchen also ein Lokal auf, wo wir einen kleinen Imbiß zu uns nehmen können, und haben uns gerade bei einer Tasse Bouillon häuslich niedergelassen, als ein Herr eintritt, der in uns gleich die Saarländer erkennt. Eine Frage, die erkennen läßt, daß er über die Verhältnisse im Saargebiet schlecht unterrichtet ist, veranlaßt Burgard zu einer lange Rede, in der er heftig widerpricht und lebhaft gestikulierend sein Deutschtum bekennt. Da treten dem alten Herrn die Tränen in die Augen. Und er meint, es freu ihn, das zu hören. Er selbst habe zwei Söhne auf dem Felde der Ehre verloren, und auch er sei ein treuer Sohn seines Vaterlandes. Das wurden wir aufmerksam, wir scharen uns um ihn und lauschen seinen Worten,. Da erzählt er uns, wie er früher auf sich selbst angewiesen, wie er als Schiffsjunge die Welt gesehen, wie er in Afrika und China gekämpft, wie er Deutschlands Aufstieg und Fall miterlebt und wie er und einige Getreuen im Stillen am Wiederaufstieg Deutschlands arbeiteten. Zum Dank sangen wir begeistert uns Saarlied und schieden in vorgerückter Stunde, nicht ohne einen erklecklichen Streifen auf das Wohl unseres Vaterlandes getrunken zu haben. In dem Bewusstsein, den schönsten  Teil unseres Ausfluges verlebt zu haben, traten wir die Heimreise an. Nach einem kuren Aufenthalt in Trier ging’s mit geschwellten Segeln den heimatlichen Pannaten (?) zu. Schluß? Der Ausflug war sehr schön. Hoffentlich war es der letzte.
Lothar Krämer L.K.

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